„Wir sollten bei unseren Revolutionen tanzen“

Foto: Jean Peters. © Unknown

Es ist „Zeit für Sabotage!“ fordert Jean Peters in seinem Vortrag der diesjährigen Webkonferenz re:publica. Der Aktivist und Gründer von „Peng!“-Collective sorgte mit einer Kunst-Ölfontäne auf einem Shell-Event für weltweites Aufsehen, engagiert sich im Europäischen Zirkusnetzwerk „EYCO“ und tritt gerne als Clown auf. Hinter all dem Spaß stecken jedoch ernsthafte Absichten.

globe-M: Du bist Mitglied des „Peng!“-Kollektivs, das Menschen animieren soll, für Veränderung einzustehen. Wie ermutigt man Menschen zum Protest?

Jean Peters: Protest an sich ist ja kein Ziel, das ist also Quatsch. Doch prinzipiell ist es spannend, ob es ganz strategisch einen linken Populismus geben sollte. Ich würde sagen: Campaigning, Werbung oder jegliche Form von Propaganda ist nur dann legitim, wenn die Selbstbestimmung der Menschen ihr Ziel ist. Das geht gut, indem man existierende Codes und Machtstrukturen persifliert, hinterfragt und somit die alltägliche „Nicht-Hinterfragbarkeit“ hinterfragbar macht.

globe-M: Und das macht „Peng!“ aus?

Jean Peters: Wir erforschen die Schnittstelle zwischen Politik, Kunst und Wissenschaft. Was für neue Formen gibt es, ein Thema in der Öffentlichkeit zu bearbeiten, so dass es gesellschaftlich relevant, ästhetisch interessant und inhaltlich gut recherchiert ist? Kommunikationsguerilla ist nur eine von vielen Methoden – doch eine sehr wirkungsvolle, wenn man die Menschen zum selber Denken auffordern möchte. Die Erfahrung zeigt, dass sie meist auch froh sind, in ihrer Intelligenz ernst genommen zu werden. Wer will schon vorgekaute Meinungen auf einer Kampagnenseite lesen, wenn sie oder er nicht ohnehin überzeugt ist?

globe-M: Mit „DemocReady“ stellst Du Software zum Aushebeln der Demokratie vor und bist außerdem CEO von „Horst Köhler Consulting“. All das ist Fake. Konzernchefs und politische Sprecher müssen doch ziemlich schlecht auf Dich zu sprechen sein?

Jean Peters: Das kann ich schwer einschätzen. Ich denke, dass jeder ernst zu nehmende Konzernchef versteht, dass wir einfach nur unseren Job machen. Es geht uns ja auch nicht um Konzernchefs oder Unternehmen generell. Es geht mehr darum, dass eine Demokratie, die nur machtanreichernde Organisationen hat, auf Monopole, Korruption und Unterdrückung hinausläuft. Und wir übernehmen nun den schlecht bezahlten, doch sehr unterhaltsamen Job, die Machtverhältnisse auszugleichen, wie wir können.
Mit DemocReady haben wir auch eine scharfe Kulturkritik zeichnen wollen: Wie kommt es, dass so viele Unternehmen sich daran gewöhnt haben, Demokratie mit Marketingmitteln zu unterhöhlen? Nur weil es legal ist, ist es noch längst nicht legitim.

globe-M: Beim „Shell Science Slam“ wolltest Du als Paul von Ribbeck ein Auto vorstellen, das die Luft reinigt. Doch dann sprudelte aus dem Apparat eine Schmutzfontäne. Die Botschaft war „Hier kannst Du den Stecker ziehen. In der Arktis nicht.“ Der Slam musste abgebrochen werden. Was passierte danach?

Jean Peters: Danach haben wir weiter Stellung genommen und versucht, mit Shell in Dialog zu treten. Burson Marsteller und Shell hatten jedoch kein Interesse daran. Zugleich war aber bei manchen Angestellten deutlich sichtbar, dass sie die Aktion schön fanden und nicht eingestehen konnten, dass sie sich fühlten, als wären sie auf der falschen Seite.
Naja, und dann ging die Nachricht um die Welt. Bis nach Nigeria und die USA lachten alle mit, Anrufer von den Philippinen und aus Neuseeland pflichteten uns bei und bedankten sich dafür, dass wir mit einer humorvollen Aktion auf die Kacke gehauen haben. Unternehmensberater und Risikomanager meldeten sich, weil sie mit unseren Informationen hofften, ihre Kunden besser auf eine PR-Gegenattacke vorbereiten zu können. Insgesamt scheinen wir da eine Sehnsucht bei der Zivilgesellschaft und eine Angst bei Unternehmen getroffen zu haben.

globe-M: Hat Shell Dich angezeigt?

Jean Peters: Nein. Eine gute PR Abteilung weiß, dass sie damit nur noch mehr Medienschlamm abbekommen. Sie sind leider auch nicht auf mein Dialogangebot eingegangen – und ich bin nicht müde, auf ihre Pressemitteilung zu reagieren, in der sie behaupten, ein Dialog sei ihnen lieb: „Ja, bitte, liebe Shell-MitarbeiterInnen, ich treffe Sie gerne, um über das Thema Unternehmensverantwortung zu reden.“ Shell steckt so viel Geld in PR, da sollten sie doch auch etwas übrig haben, um ihre menschenverachtende Politik im Nigerdelta zu stoppen, und ökologische und soziale Schäden zu beheben.

globe-M: Wie oft hast Du Dich für Deine Aktionen vor Gericht verantworten müssen?

Jean Peters: Ich war bisher drei Mal vor Gericht. Das waren immer kleinere Sachen, wo die RichterInnen mit uns lachten oder die Polizei uns falsche Tatsachen vorwarf, um uns eine Weile still halten zu können. Es war sehr gesund, denn so konnte ich die Repressionsabläufe kennenlernen und mich als juristisch verantwortliche Person bilden.

globe-M: Hat man als Kommunikationsguerrilla Narrenfreiheit?

Jean Peters: Natürlich gibt es Grenzen. Die Legitimität unseres Handelns kann nur mit einer klaren Ethik funktionieren. Etwa, dass es uns nicht um einzelne Personen geht, sondern um die Kulturen und Systeme, in denen sie agieren. Uns ist wichtig, dass wir gewaltfrei und mit Charme handeln, offenherzig und mit Überzeugung. Etwas romantisch gesagt: Wir handeln aus Liebe.

globe-M: Welche Aktion hat Dir am meisten Freude bereitet?

Jean Peters: Haha, da gibt es viele. Mir hat „Slam Shell“ sehr viel Spaß gemacht. Doch ich würde mit Mascha Kaleko sagen: „Mein schönstes Gedicht? Ich schrieb es nicht. Aus tiefsten Tiefen stieg es. Ich schwieg es.“ Wenn wir unser Handeln stärker poetisch verpflichten, ist uns allen geholfen.

globe-M: Du sorgst nicht nur für unterhaltsame Guerilla-Aktionen, sondern engagierst Dich auch seit Jahren als Clown. Siehst Du Parallelen zwischen beidem?

Jean Peters: Als Kinderclown arbeite ich für Kinder, als Aktivist für Kinder und Erwachsene. Ich erforsche als Politikwissenschaftler Machtverhältnisse und Ideologien, als Clown spiele ich damit. Oder ist diese Antwort jetzt zu trocken? Frei nach Emma Goldmann würde ich sagen, dass wir bei unseren kleinen Revolutionen auch tanzen sollten.

 

Weitere Informationen

Jean Peters spricht am 6. Mai 2014 von 12.30-13:30 Uhr auf der Berliner Webkonferenz re:publica 14 zum Thema „Zeit für Sabotage!“ Ob das bei einem trockenen Vortrag bleiben wird? Weitere Pseudonyme: Paul von Ribbeck, Luther Blisset.

Das Foto wurde von Jean Peters an globe-M gesendet. Bitte bei Copyrightfragen an Jean Peters wenden. Zur Peng!-Website

Über die re:publica (siehe Veranstalterwebsite):

Seit ihrer Gründung 2007 hat sich die re:publica von einem Treffen deutscher Bloggerinnen und Blogger zu einem der weltweit wichtigsten Festivals der digitalen Gesellschaft entwickelt, zu dessen achter Ausgabe 2014 mehr als 5000 Gäste erwartet werden.

Weitere Interviews zur re:publica:

David Hasselhoff - singt für globe-M, Alexa Clay - Von Hackern und Hippies lernen, Georg Wurth - TV-Million durch Cannabiskampagne

Nachbericht re:publica

 

 

Expertenstimmen Archiv

DatumSortiericonTitel
29.Sep.2014Selbstauswertung bis hin zum Ernstfall
25.Sep.2014Positionen zur Positions
25.Sep.2014"Der Berliner Mythos allein zieht nicht mehr"
24.Sep.2014Neue Positionen beziehen
21.Sep.2014Tanzskulpturen
09.Sep.2014Erst Marathon, dann Freakshow
06.Sep.2014Choreographie der Schwerelosigkeit
06.Sep.2014Das Dunkle in uns
06.Sep.2014„Manchmal ist das Narrativ fast tyrannisch“
04.Sep.2014„Wir schulden den Bayaka unseren Film“
31.Aug.2014Katharsis durch Reizüberflutung
20.Aug.2014„Georgien ist näher am Leben.“
16.Aug.2014Nicht nur in Stein gemeißelt
14.Aug.2014Keine Kategorien bitte
11.Aug.2014Von Moskau nach Berlin und zurück
10.Aug.2014Virtuelle Bilderwelten
06.Aug.2014Phönix aus der Asche
06.Aug.2014Landschaftsfantasien
30.Jul.2014„Als würde man in ein fremdes Land reisen“
28.Jul.2014Cindy Sherman im MoMA
28.Jul.2014Courage heißt schon, als Künstler zu leben
22.Jul.2014Angela Merkels „Hoffotograf“
19.Jul.2014Schlüsselmomente mit Mitmachfaktor
10.Jul.2014Nächtliche Youtube-Fantasien
05.Jul.2014Zwischen Technik und Poesie
05.Jul.2014„Die Wirklichkeit ist noch wesentlich heftiger“
30.Jun.2014„Universelle Erfahrung ohne Sprachbarrieren“
30.Jun.2014„Erich Kästner war damals schon altmodisch“
22.Jun.2014„Man müsste aus dem modernen Leben aussteigen“
16.Jun.2014Das Gedicht bestimmt die Farbe des Konzerts
13.Jun.2014Von der Bedeutung der Kunst
09.Jun.2014„RLF ist reflexiv und nicht positivistisch“
08.Jun.2014Ganz groß mit Hut
07.Jun.2014Du bist überall auf der Erde
06.Jun.2014Mikroben als Kunststars
30.Mai.2014„Ich nehme elektromagnetische Wellen wahr“
27.Mai.2014Von der Eisprinzessin zur Stilkönigin
21.Mai.2014Gestalten und Beobachten
21.Mai.2014Nordisches Speed-Dating in Berlin
19.Mai.2014Im Ravekostüm mit 50?
18.Mai.2014„Wir lieben das Risiko, zu scheitern“
13.Mai.2014Farben des Nordens
12.Mai.2014„Wir sollten bei unseren Revolutionen tanzen“
12.Mai.2014 David Hasselhoff singt für globe-M
11.Mai.2014Von Hackern und Hippies lernen
11.Mai.2014TV-Million durch Cannabiskampagne
29.Apr.2014 Sorgen um ein zerrüttetes Land
23.Apr.2014 Lust auf Neues
21.Apr.2014„Ich kann auch gerne mal läpsch sein“
20.Apr.2014 Der richtige Ton
17.Apr.2014 Auf der Suche nach Herausforderungen
13.Apr.2014Ich kann mir den Film in Farbe nicht vorstellen
12.Apr.2014Mich interessiert mehr der Blick daneben
06.Apr.2014Klavierspiel mit Freude
05.Apr.2014„Die Fragen werden bleiben“
02.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
01.Apr.2014"Wir waren schon heiße Typen"
24.Mär.2014„Hat man Eier, oder hat man keine?“
20.Mär.2014„Wir sind alle aus Spirit gemacht“
17.Mär.2014Beim Jazz muss man sich entblößen
07.Mär.2014Berlin hat die Kunst in mir hervorgebracht
06.Mär.2014„Für mich ist die Wahl eines Films persönlich“
04.Mär.2014Den französischen Schubladen entkommen
02.Mär.2014Close Up! als Kontakt zur Bodenstation
25.Feb.2014Beethoven plus Hindemith
14.Feb.2014Monatliche Wundertüte
10.Feb.2014Storytelling wie vor 50 000 Jahren
10.Feb.2014„Ich sehe über 600 Filme im Jahr“
03.Feb.2014Neue Räume schaffen
02.Feb.2014MY MISERY IS FOR YOUR ENTERTAINMENT
29.Jan.2014Berlin jazzt
20.Jan.2014„Inspiration ist wie Bauchschmerzen“
19.Jan.2014„Verbrechen sind keine Frage der Intelligenz“
16.Jan.2014„Ein lustiges Land mit einer seltsamen Kultur“
13.Jan.2014Die Farbe des Chansons
10.Jan.2014Leben als Kunstform
09.Jan.2014Die künstlerische Internationale
30.Dez.2013Musik für Erfahrene
22.Dez.2013Man ist so jung...
17.Dez.2013Das Zielgerichtete überwinden
11.Dez.2013Ökonomie des Schenkens
08.Dez.2013Die schöpferische Welt verstehen
07.Dez.2013 Faszination Kunstmarkt
06.Dez.2013Was ist Humor?
25.Nov.2013Streichquartett des Nonplusultra
24.Nov.2013Im Dunkel – da findest du was
21.Nov.2013 Symphonie einer großen Welt
21.Nov.2013„Es war filmmäßig“
11.Nov.2013 Splitter einer Ära
08.Nov.2013 Ein Geschenk aus Liebe
07.Nov.2013„Die Mentalität muss sich ändern“
04.Nov.2013 Uns interessiert, was wir nicht kennen
31.Okt.2013"Suche nach Gemeinschaft verbindet uns alle"
22.Okt.2013Schöne Wetteraussichten
20.Okt.2013Von der Vergeistigung der Materie
18.Okt.2013Berliner Nächte aus der 90 Grad-Perspektive
11.Okt.2013Intellektueller Pop
10.Okt.2013Ein Tausendsassa lernt nie aus
08.Okt.2013 Die Grenzgängerin
05.Okt.2013Nackte Seele
23.Sep.2013Städteplanung nach Darwin
16.Sep.2013Malen ist meine Meditation
15.Sep.2013Talentfinder
14.Sep.2013Hauptstadt des Tangos
14.Sep.2013Unter dem Pflaster der Linienstraße ‑ Zadig! 
13.Sep.2013Mut steht ihr gut
03.Sep.2013 Herausfordernde Lebendigkeit
27.Aug.2013Eine Frage des Geldes
26.Aug.2013Autobiographische Metaebene
24.Aug.2013Die Welt will, dass man erwachsen wird
20.Aug.2013Neue Töne aus der Uckermark
15.Aug.2013 Ein Traum fürs Leben
15.Aug.2013Der Blick zurück nach vorne
11.Aug.2013Kunst ohne Imagepflege
05.Aug.2013 Lalys Lalylalas
02.Aug.2013 Illusion im Dienste der Wahrheit
30.Jul.2013Zwischen Sorbonne und Depardieu
26.Jul.2013Nobelpenner mit Plattenvertrag
25.Jul.2013Jedermann - Ein Modezar im Zelt
19.Jul.2013Lodernde Leidenschaften
18.Jul.2013Mörderische Nische
05.Jul.2013Soziale Kreativität
04.Jul.2013Prada trifft auf Wes Anderson
01.Jul.2013„Der echte Heimatfilm ist tot“
27.Jun.2013Wir wollen mehr als nur Events
27.Jun.2013Für Chile arbeiten
21.Jun.20132500 Quadratmeter Glitzerwelt
11.Jun.2013„Im Alter möchte ich Udo Jürgens sein“
07.Jun.2013„Fresse halten, Bass spielen“
29.Mai.2013Erfrischend mutig - Rosalie Thomass
23.Mai.2013Imogen Kusch ‑ ein "24-Hour-Artist"
20.Mai.2013Visuelle Themenwelten
18.Mai.2013Himmel und Wasser
18.Mai.2013Bösewicht mit großem Herz
16.Mai.2013Musterhaft
10.Mai.2013Berlin Transit
10.Mai.2013„Theater ist für mich der Ur-Moment“
09.Mai.2013Für Recht und Gerechtigkeit
09.Mai.2013Kunst und Kommunikation
08.Mai.2013Mehr als kleine Strichmännchen
08.Mai.2013Schauen und Staunen
08.Mai.2013Designzauber aus dem Norden
08.Mai.2013Näkemiin Suomi!
08.Mai.2013Lebendige Folien - Media Art von Saana Inari
08.Mai.2013Szenetreff versus Beschaulichkeit
08.Mai.2013Jung und echt unter deutscher Flagge
08.Mai.2013Der Malteser Schatz
08.Mai.201340 Jahre „Schwarzer September“
08.Mai.2013Glamour auf rotem Teppich
08.Mai.2013Produktion und Verwertung
08.Mai.2013Bilderkrieg
08.Mai.2013Das menschliche Maß
08.Mai.2013Ein scheinbar unmögliches Projekt
08.Mai.2013Blindes Verständnis
08.Mai.2013Tanz, Musik, Film und Text

Warning: Duplicate entry '58254862' for key 'PRIMARY' query: INSERT INTO globem_watchdog (uid, type, message, severity, link, location, referer, hostname, timestamp) VALUES (0, 'php', '<em>Duplicate entry &amp;#039;15519857&amp;#039; for key &amp;#039;PRIMARY&amp;#039;\nquery: INSERT INTO globem_accesslog (title, path, url, hostname, uid, sid, timer, timestamp) values(&amp;#039;„Wir sollten bei unseren Revolutionen tanzen“ &amp;#039;, &amp;#039;node/18439&amp;#039;, &amp;#039;&amp;#039;, &amp;#039;54.162.107.122&amp;#039;, 0, &amp;#039;92e79b2a5cb3b5616994eb99ecbc0330&amp;#039;, 746, 1506164303)</em> in <em>/kunden/210808_12165/webseiten/globem/includes/database.mysql.inc</em> in Zeile <em>174</em>.', 2, '', 'http://alt.globe-m.de/de/experts/wir-sollten-bei-unseren-revolutionen-tanzen', '', '54.162.107.122', 1506164303) in /kunden/210808_12165/webseiten/globem/includes/database.mysql.inc on line 174