"Wir waren schon heiße Typen"

Tom Holm  © Michael Schlosser

Der 1926 geborene Berliner Schlagzeuger Tom Holm begann mit dem Jazz in den Vierziger Jahren, spielte nach dem Krieg in amerikanischen Clubs. Auf welchem ungewöhnlichen Wege die Musiker Essen aus den Offiziersmessen schmuggelten und wie sie an wertvolle Instrumente gelangten, erzählte er 2011 dem Berliner Jazzmusiker Jörg Miegel bei der Veranstaltung „Berlin jazzt – Jazz in und aus Berlin 1945 – 1970“. Ein Jahr später starb Tom Holm. Interview 2. Teil

Jörg Miegel: Welche waren die wichtigsten Jazzmusiker für Dich so kurz nach dem Krieg, bis 1949?

Tom Holm: Die Big-Bands, Benny Goodman, Count Basie, Duke Ellington, später Chet Baker. Die waren für mich bestimmend. Wir haben diese großen Vidisk-Platten, die Vinylplatten, in der Band gehört und abgeschrieben, um überhaupt in diese Art reinzukommen.

Jörg Miegel: Ihr hattet ja auch tolle Instrumente – wie seid ihr an die rangekommen?

Tom Holm: In einem dieser Clubs spielte die Army-Band, das war in der Gardeschützenweg-Kaserne, und da spielte ich auch mit meiner Band. In diesem Keller waren das Repertoire und die Instrumente der Army-Band und eines Tages sagte der Club-Sergeant, dass die ArmyBand aufhöre und weggehe. Da bin ich natürlich sofort hingerannt und hab gefragt „Sag mal, können wir nicht mal im Keller gucken“, und der Sergeant sagte: „Ja, ok“. Und nach einer halben Stunde kamen wir nach oben mit den schönsten Instrumenten.

Also die Trompeter und die Posaunisten waren glücklich und ich selbst hatte das große Glück, Slingerlanddrums zu bekommen, das war dann mein Schlagzeug. Wir haben natürlich den Sergeant gefragt, ob wir das machen dürfen, der hat gesagt: „Ok, die Band ist weg, das könnt ihr nehmen.“ Also hatten wir die besten Instrumente, und ich dieses Schlagzeug, das spielte übrigens Gene Krupa auch, das war blau-bunt. Wenn ich dann draußen Auftritte hatte, dann stand in der Pause immer einer da, um zu gucken, ob das nicht geklaut wird, denn das war damals eine Rarität so ein Instrument zu besitzen, das war wie Gold! Ich hatte als einziger Trommler damals eine Slingerland, was unglaublich war und mich natürlich animierte, täglich zu ackern. Habe stundenlang geübt, ich war mit meiner ganzen Seele Musiker.

Jörg Miegel: Ihr habt immer in diesen Army-Clubs gespielt, das war ja ein Privileg. Und ihr wurdet nicht nur mit Instrumenten versorgt, sondern auch mit Essen, was in der damaligen Zeit ja unheimlich wichtig war. Ihr durftet eigentlich nichts mit nach draußen nehmen, erzähl mal, wie ihr das rausgeschmuggelt habt.

Tom Holm: Ja, 1946 hatte ja jeder Hunger. Ich hatte ja das große Glück, bei den Amerikanern zu spielen und da kam ich auf die Idee, Mensch, wir können doch aufgeteilt in den einzelnen Messen – wir waren ja eine Big-Band – Musik machen. Ja, sagte der Sergeant, tolle Idee. Also spielten wir in den dollsten Besetzungen, ich Geige, Schlagzeug, Klarinette – also, es muss fürchterlich geklungen haben. Aber es ging ja nur ums Fressen, tschuldigung, ums Essen. Wir spielten zum Beispiel in der Offiziersmesse und der Offizier sagte – die kannten uns ja alle aus den Clubs – „Wenn die Offiziere weg sind, könnt ihr hier essen, kriegt ihr die Reste.“ Die Reste waren aber so piccobello, wir haben unglaublich reingehauen.

Es war natürlich verboten, Essen rauszubringen, trotzdem haben wir immer was eingepackt, immer ein paar Buletten, und dann – es war im Hospital unter den Eichen— haben wir das auf die Mauer gelegt, sind vorne raus, die haben gefragt: Essen?, wir immer gesagt, nee, wir haben nichts, und sind dann rum zur Mauer, das Essen geholt. Zwei Tage, drei Tage später muss das irgendein Zivilist, so ein "fucking German", gesehen haben. Jedes Mal wenn wir zu unserem Essen auf der Mauer wollten, war es weg, das war fürchterlich.

Jörg Miegel: Dann also Plan B …

Tom Holm: Ich hatte damals einen Pianisten, Uli Gnaub, ein netter, netter Typ, der war schwer verwundet, hatte ein Holzbein. Da kamen wir auf die unglaubliche Idee und sagten: „Uli, schnall doch mal dein Holzbein ab.“ Er schnallte das Holzbein ab, da kamen alle die kleinen Reste rein, ist vielleicht unästhetisch, aber war so, er also wieder ran das Bein, wir alle vorne raus, wieder die Frage: „Habt ihr was?“, wir wieder „ no, nothing!“. Dann mussten wir nur um dieses Hospital rumgehen und auf der anderen Seite war der Melody-Club, da spielten wir, unter anderem auch Mackie Kasper, der nun andauernd Hunger hatte, in der Pause kriegten wir auch ein Bier, da kam dann immer schon der Erste an, meistens Mackie, und sagte: „Uli schnall das Holzbein ab, ich habe Hunger!“ Da haben wir natürlich immer ein bisschen was rausbringen können und dann da gegessen. Abends, von acht bis elf spielten wir ja nur, da saß dann meine Familie, mein Vater, meine Tante, Schwester, meine Mutter, an gedecktem Tisch mit Messer und Gabel und guckten mich an und fragten. „Was gibt’s denn heute zu essen?“.

Jörg Miegel: Also konntet ihr von Deiner Musik ganz gut leben?

Tom Holm: Ich konnte die Verpflegung, die Miete, usw. leicht damit bestreiten. Dann kam es natürlich auch mal vor, dass ich sagte, zu einem Trompeter, hol du mal die Gage vom Titania-Palast. Dann verschwand der auf einmal. Ich fragte dann: Wo ist denn der Arne, dann hörte ich, der hat die Sause gemacht. Als ich den dann wieder sah, fragte ich, „Wo ist denn die Kohle?“ und der sagte „Tut mir leid, die hab ich versoffen“. Der hatte dann überall Lagen ausgegeben, waren ja einige hundert Mark. Aber das tat uns nicht weh, ich bin dann zum Sergeant gegangen, hab gesagt, „Der hat unser Geld, das ist gestohlen worden“. Und der Sergeant sagte: “Kein Problem, hier hast du die Kartons mit Zigaretten, das ist ok, verkauf das.“

Später hatte ich auch noch eine musikalisch schöne Zeit, habe Aufnahmen machen können für Caterina Valente, Vicki Leandros, die ganzen Schlagerfritzen, eine schöne Sache, all diese Künstler kennen zu lernen, auch Peter Alexander, der war übrigens ein guter Pianist.

Jörg Miegel: Tom Holm vielen Dank für das Gespräch.

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