Interview mit S.E. Elyes Ghariani, Botschafter von Tunesien in Deutschland




Seit wann sind Sie in Berlin? Kannten Sie Berlin und Deutschland bereits vor Ihrer Ankunft?

Ich kam im August 2011 an. Meine Mission endet nach drei Jahren Ende August 2014. Das ist bei uns die normale Dauer einer Botschafterkarriere. Ich bin seit 32 Jahren Diplomat. Übrigens ist es nicht das erste Mal, dass ich in Deutschland bin. Es ist meine dritte Stelle in Deutschland. Ich habe als ganz junger Diplomat in Bonn während der Wiedervereinigung angefangen, ich war einmal nach der Wiedervereinigung nochmals dort, aber erst 2003 habe ich Deutschland richtig kennen gelernt. Da war ich als Gesandter in Berlin. Dann verließ ich Berlin 2008 und bin 2011 als Botschafter wiedergekehrt. Daher halte ich mich, oder besser gesagt, hält man mich als den Spezialisten für Deutschland.

Wie viel wissen die Deutschen über Tunesien?

Die Deutschen wissen recht viel über Tunesien, vor allem seit der Revolution im Januar 2014. Tunesien war über 50 Jahre lang als touristisches Ziel wegen seiner Strände und Oasen, also für „Sonne, Strand, Kamele“, bekannt. Jetzt hat sich das Bild Tunesiens aber verändert. Wir haben weniger deutsche Touristen, aber mehr deutsche Politiker, Fachleute und Journalisten, die Tunesien seit der Revolution besuchen. Die Revolution steht als Zeichen für die Freiheit und die Würde der Menschen. Man interessiert sich für Tunesien, weil es die Wiege des so genannten "arabischen Frühlings" ist. Die Deutschen möchten das tunesische Volk verstehen lernen, das lange Zeit ruhig, nett, manchmal unterwürfig war, das sich gegen einen Diktator aufgelehnt hat und ihm vor dem symbolischen Gebäude, dem Innenministerium, auf der großen Allee in Tunis, entgegnete: "Hau ab !" Wie gelang diesem fügsamen Volk die Revolte? Jeder interessiert sich dafür. Und heute nach dem Dominoeffekt im Anschluss an die Revolution, die auch andere Länder des südlichen Mittelmeerraums betrifft, wird gesagt, dass Tunesien die Hoffnungen einer entstehenden Demokratie für die ganze arabische Welt trägt. Unsere weltweiten wichtigsten Partner sind Frankreich, Italien und Deutschland. Die EU macht 80% des Austauschs mit Tunesien aus. Das gilt sowohl für den kommerziellen, ökonomischen, menschlichen und touristischen Austausch. Die meisten Tunesier, die im Ausland studieren, wohnen in Deutschland, Frankreich oder in einem anderen Land Europas. Das gilt auch für die tunesischen Arbeiter oder so genannte Gastarbeiter. Italien ist da besonders wichtig. Sizilien ist nur knapp 140 km von Tunesien entfernt, das ist nicht einmal die Distanz zwischen Berlin und Leipzig. Übrigens haben wir vor der Entstehung des tunesischen Fernsehens über Kabel Rai1 empfangen und Raffaella Carrà gesehen. (Damals war das noch ein Ereignis!)

 

Welches Bild haben die Tunesier von Deutschland?

Das sind solche Eigenschaften wie Ernsthaftigkeit, die Rechtschaffenheit und die Disziplin, die hervorstechen. Das „Made in Germany“ wird von uns sehr geschätzt.

Welche Bedeutung hat Deutschland für die Förderung der tunesischen Kultur?

Deutschland ist ein Kulturland. Es ist eines der weltweit seltenen Länder, das kein Bundesamt für Kultur hat. Die Kultur ist eine Säule der Außenpolitik. Das Auswärtige Amt verfügt über ein beachtliches Budget für die Kultur. Wenn Sie die Goethe-Institute, das Parlament, die deutschen Schulen, die IFA (Institut für Auslandsbeziehungen), das Archäologieinstitut, etc. betrachten, alle diese Institutionen sind von der Außenpolitik abhängig. Ich habe meinen Behörden immer gesagt, dass die tunesische Kultur in Deutschland präsent sein muss, beispielsweise durch Ausstellungen. Denn das bewirkt viel mehr als tausend Reden. Tunesien besitzt nicht nur eine sehr attraktive touristische Seite, die zumeist von den Deutschen gesehen wird. Tunesien ist auch ein Land, das auf eine 3000-jährige Geschichte und Zivilisation zurückblickt. Wir besitzen beispielsweise die weltweit schönste Sammlung römischer Mosaiken. Wir haben das zweitgrößte Kolosseum, nach jenem in Rom. Jeden Sommer organisieren wir dort ein internationales Festival für klassische Musik. Dieses Jahr hat übrigens auch ein deutsches Orchester teilgenommen. Die Kultur hilft dabei, die Völker zusammenzuführen.

Welche Aspekte der tunesischen Kultur möchten Sie in Deutschland hervorheben?

Mit der Unterstützung der Deutschen, z.B. dem Goethe-Institut in Tunis, haben wir eine Serie von Ausstellungen organisiert. Wir versuchen die bildenden Künste, Fotografie, die Literatur Tunesiens vorzustellen.Insbesondere möchten wir aber junge Künstler unterstützen.

Welches Publikum möchten Sie mit den von Ihnen organisierten und unterstützten Veranstaltungen anziehen?

Wir möchten ein breites Publikum ansprechen. Es gibt sehr viele junge Zuschauer, und auch viele junge Künstler, die wir bekannt machen möchten. In den letzten zwei Jahren haben wir den Schwerpunkt auf die Jungen, die aus der Revolution hervorgegangen sind, gelegt. Das deutsche Volk ist neugierig, es möchte die Tunesier kennen lernen, die sich gewehrt haben, also jene, die sagten: „Nieder mit der Diktatur!“. Die Deutschen versuchen, zu verstehen. Ich werde oft von Universitäten auf Konferenzen eingeladen, die das Thema Revolution haben und man stellt mir Fragen wie „Wie haben Sie das geschafft? Was sind die Zutaten dazu? Mit welchen Mitteln?“. Ich antworte immer sehr gerne: Unser größter Trumpf ist die tunesische Zivilbevölkerung, die sehr stark ist. Der Status der Frau ist bei uns einer der stärksten im arabischen Raum und auch der Bildungsstand ist einer der höchsten. In Tunesien beträgt der Analphabetismus 7-9 %. Die Schule ist frei und obligatorisch.

Neben dem heutigen Tunis befand sich die antike Stadt Karthago, die Hauptstadt einer Zivilisation, die im Mittelmeerraum eine große Bedeutung hatte. Welchen Einfluss hat dieser Teil der Geschichte noch heute auf die tunesische Identität?

Wir empfinden eine Art Stolz. Hannibal ist von Karthago aus aufgebrochen und hat Nordeuropa erreicht. Übrigens gibt es Überbleibsel der römischen Kultur bis hier in Deutschland. Dann haben wir, wie ich bereits sagte, diese Sammlung von Mosaiken, die weltweit zu den größten gehört. In Tunesien gibt es Ruinen und einen wunderbaren archäologischen Reichtum.

Gibt es in diesem Bereich einen Austausch mit anderen Ländern?

Selbstverständlich gibt es den, insbesondere mit Frankreich und Italien. Mit Italien teilen wir uns die römische Geschichte. Mit Frankreich verbindet uns die Frankophonie und eine kulturelle Nähe. Aber auch mit den Deutschen pflegen wir einen regen kulturellen Austausch. Das deutsche Archäologieinstitut unterstützt die tunesische Archäologie stark.

Wo befinden sich die Mosaiken?

Die Mosaiken befinden sich in mehreren Museen. Aber das beste ist das Bardo-Museum in Tunis. Es wurde kürzlich wiedereröffnet, nachdem es renoviert wurde. Die deutsche Presse hat darüber berichtet. Der Besuch lohnt sich wirklich sehr, das kann ich nur empfehlen!

Die Geschichte Tunesiens ist eng mit der französischen verbunden.Welchen Einfluss hatte die französische Anwesenheit auf die tunesische Kultur? Gibt es bis heute sichtbare Beispiele?

Der französische Einfluss ist da, da Tunesien mehrere Jahrzehnte lang eine Kolonie von Frankreich war. Im Bereich der Kleidung und der Bildung ist es unter anderem am besten sichtbar. Ich habe die französischen Autoren studiert, Voltaire, Montesquieu, Diderot. Aber auch die Naturwissenschaften, Chemie, Mathematik, Physik, Naturkunde, Geschichte und Geografie werden auf Französisch gelehrt. Heute beherrscht die neue Generation das Französisch ein bisschen weniger gut. Es fand eine Arabisierung statt. Und dies leider zum Nachteil des Französischen. Es wird immer noch gelehrt, aber das Niveau hat abgenommen.

In der tunesischen Literatur existiert eine Tradition, die auf der arabischen Sprache beruht, und gleichzeitig eine modernere Tendenz, die sich des Französischen bedient.Wie ist das Verhältnis der beiden Richtungen?

Die einen fühlen sich im Französischen wohler, in der Sprache von Victor Hugo. Die anderen sind arabisierter. Aber die beiden Richtungen stehen sich nicht konkurrierend gegenüber. Im Allgemeinen ist der Tunesier zweisprachig, er liest beide Sprachen.

Wie wird die tunesische Literatur im Ausland wahrgenommen?

Im arabischen Raum ist die tunesische Literatur nur wenig bekannt, außer einzelne Ausnahmen. Es gibt eine gewisse Dominanz der ägyptischen und libanesischen Literatur. Angesichts der Größe Tunesiens - es ist ein eher kleines Land -, sind nur wenige Schriftsteller bis in den Mittleren Osten vorgedrungen. In der Frankophonie ist es anderes, die Tunesier werden da mehr beachtet.

Können Sie uns Tendenzen in den anderen kulturellen Bereichen nennen, wie im Bereich Film und Musik?

Was den Film betrifft, haben wir keine große, aber eine qualitativ hochwertige Produktion. Während der tunesischen kinematografischen Woche werden verschiedene Filme nach Themen gezeigt. Die Gesellschaft steht im Zentrum des Interesses und in den letzten Jahren auch immer mehr Filme, mit politischen Engagement. In der Musik haben wir ein andalusisches Erbe. Aber wir haben es geschafft, die traditionelle Musik mit der modernen westlichen Musik zu verbinden. Der Jazz à la tunisienne, ist einfach fantastisch!

Organisieren Sie in Deutschland auch Konzerte?

Leider nicht so viele, wie wir es gerne hätten. Die Kultur ist teuer. Ein Orchester einzuladen ist sehr kostspielig, das können wir nicht oft leisten. Aber kürzlich habe ich an einem Konzert eines berühmten Komponisten teilgenommen. Anouar Brahem ist weltweit anerkannt, und er macht genau das, was ich Ihnen beschrieben habe. Es war Jazz, aber auf orientalische Art. Das Konzert wurde in Mannheim in einer Kirche organisiert, um die Toleranz des neuen Tunesiens aufzuzeigen. Es war wunderbar und voll.

Werden kulturelle Produkte aus dem Ausland importiert?

Selbstverständlich, in allen Bereichen: Literatur, Film, Fernsehen, etc. Wir sind ein offenes Land. Wir sind eine Kreuzung zwischen dem Orient und dem Okzident, zwischen dem Maghreb und dem Mashrek, wir sind an der Spitze Afrikas, sehr nahe bei Italien. Wie ich sagte, finden 80% des Austauschs mit Europa statt. Wir sind natürlich für alle Kulturen offen. Das ist der Reichtum Tunesiens, es hat verschiedene Zivilisationen kennengelernt: die Berber, die Byzantiner, die Türken, die Franzosen, sogar die Wikinger sind durch Tunesien gezogen. Diese ganzen Begegnungen haben die Identität Tunesiens geformt und bereichert.

Gibt es einen Willen der Zusammenarbeit zwischen den Ländern des Maghrebs?

Der Wille existiert, aber es ist nicht immer konkret. Es gibt einzelne erfolgreiche Umsetzungen. Wir hoffen, in Zukunft mehr machen zu können. Zurzeit macht aber jeder seine Dinge. Wenn wir es schaffen sollten, uns zusammenzufinden, wäre das fantastisch. Es ist nicht immer eine Frage der Finanzierung, sondern eher der Koordination.

Welches Gewicht hat die Kultur für Ihre Arbeit als Botschafter?

Für mich ist es sehr wichtig. Wie ich sagte, ist die Kultur eine der Säulen der deutschen Außenpolitik. Um den Deutschen zu berühren, muss man über die Kultur gehen. Eine politische Rede ist gut, aber eine Ausstellung noch besser. Einmal haben wir im Lichthof des Auswärtigen Amtes eine Ausstellung organisiert. Es waren Fotografien von römischen Mosaiken aus Tunesien. Der Außenminister, der die Ausstellung eröffnet hat, wollte gleich danach in Urlaub fahren und wegen der Ausstellung hat er sich kurzfristig für Tunesien entschieden.

Wie definiert sich Tunesien im Vergleich zu den anderen Ländern des Maghrebs?

Tunesien ist eine Start-up-Demokratie. Die jungen Tunesier haben eine großen Drang, zu zeigen, was sie können, einen Drang, sich kreativ zu zeigen. Es ist dieser Wille, durch den sich Tunesien heute unterscheidet. Welchen Vorurteilen sind Sie während Ihres Aufenthalts in Deutschland begegnet? Das einzige Vorurteil, das über Tunesien existiert ist, dass Tunesien "Strand, Sonne, Kamele" sei. Aber Tunesien ist viel mehr als das, nämlich, wie gesagt, 3000 Jahre alte Geschichte. Ich lade alle deutschen Touristen ein, aus ihren Hotels zu treten und wirklich das Innere des Landes zu bereisen, das Land zu entdecken.

Ihre Mission in Deutschland geht auf ihr Ende zu. Welches Fazit ziehen Sie?

Ich bin sehr zufrieden, ausgefüllt. Ich stolz, der erste tunesische Botschafter nach der Revolution gewesen zu sein. Ich glaube, dem Land während eines historischen Moments gedient zu haben. Zudem gibt es kein anderes Land auf der Welt, das so hinter Tunesien steht wie Deutschland. Es gibt eine konstante Unterstützung. Vielleicht gibt es eine besondere Sympathie für die Erfahrung Tunesiens. Ich höre nie auf, die Gemeinsamkeiten zwischen der Geschichte Deutschlands und Tunesiens aufzuzeigen. 1989 sind die Deutschen vor dem Brandenburger Tor zusammengekommen und sagten: „Wir sind ein Volk“, und danach gab es den Mauerfall und die Befreiung ganz Mittel- und Osteuropas. Die Tunesier sind zwanzig Jahre später auf der Avenue Habib Bourguiba vor dem Innenministerium zusammengekommen und haben dem Diktator „Hau ab!“ zugeschrien. Nach dem Fall der Diktatur wurde eine Bewegung ausgelöst, die alle Nachbarländer erfasste, mit unterschiedlichen Resultaten. Aber wir sind auf einem guten Weg. Die Demokratie, das wiederhole ich unseren deutschen Freunden, ist kein löslicher Kaffee, es ist ein Lernprozess, ein Prozess, der mehrere Jahre dauert. Und ich sage auch, dass wir es allein nicht schaffen. Wir brauchen Unterstützung und Geduld. Wir brauchen Rat.

Ich verlasse Berlin mit Auszeichnungen. Ich bin insgesamt vierzehn Jahre in Deutschland gewesen in drei verschiedenen Etappen, ich bin der „deutscheste tunesische Botschafter“. Ich liebe dieses Land, und es ist meine zweite Heimat. Ich habe in keinem anderen Land so lange gelebt wie in Deutschland, außer in Tunesien natürlich. Der Bundespräsident Dr. Gauck hat mich sehr gelobt und während eines Treffens hat er gewünscht, dass wir zusammen fotografiert werden, vor der deutschen Flagge. Das macht er sonst nicht. Ich habe in Deutschland wunderbare Bekanntschaften gemacht.

Können Sie uns ein tunesisches Restaurant in Berlin empfehlen?

Leider nein. Der beste Tisch ist beim tunesischen Botschafter. Es leben zudem eher wenig Tunesier in Berlin. Sie befinden sich mehr im Ruhrgebiet und in Wolfsburg, wegen der Volkswagen-Fabriken. Es gibt eine neue Generation von Tunesiern, die jetzt ihre Studien in Berlin macht und danach als Fachpersonal angestellt wird.

Ihre Exzellenz, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde von Teresa Vena am 24. Juli 2014 geführt. 

Die Botschaft der Tunesischen Republik bei Globe-m

Französische Orginalversion des Interviews


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